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"Es ist wirklich das, was ich gut kann und immer tun wollte"

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Wenn du zurückgehst, bist du ein Sozialfall“, hat mir mein Mann damals gesagt, als ich den Gedanken geäußert habe, wieder nachhause zu gehen.

Vor über zehn Jahren bin ich überstürzt und blauäugig ins Ausland gezogen, um einen Mann zu heiraten. Wie junge Frauen das oft tun, habe ich mein Leben aufgegeben, aus Verliebtheit und Dummheit. Studium hingeschmissen, keine Ausbildung – aber das war mir alles egal, Hauptsache heiraten und vielleicht eine Familie gründen. Kein Wunder, als Scheidungskind hatte ich in diesem Bereich meine Defizite.

Die ersten Jahre waren sehr schön. Ich habe mich in einem fernen und fremden Land zuerst sehr wohl gefühlt.

Doch mit den Jahren hatten sich Verhaltensmuster eingeschlichen, die aus einer intelligenten, wißbegierigen Studentin eine abhängige Ehefrau gemacht haben. Da ich die Sprache nicht so gut beherrschte, habe ich anfangs alles ihm überlassen. Er hat alles für mich gemacht, alle Amtswege, Geldgeschäfte und sogar Arztbesuche arrangiert. Gearbeitet habe ich bei seiner eigenen Firma, und wirklich eigenes Geld sah ich nie. Ohne es zu merken, habe ich mein Leben verloren.

Mit der Zeit wurde mir bewußt, daß etwas nicht in Ordnung war. Ich verbrachte mehr Zeit im Internet als mit realen Menschen. Nur dort konnte ich so etwas wie Anerkennung erfahren, meine Sprache pflegen und mein eigenes Leben verwirklichen. Ich habe ein Onlinegeschäft für Grafikdienste aufgezogen, das ich bis heute mit einem kleinen Gewinn betreibe. Irgendwann wurde mir bewußt, daß mein reales Leben eigentlich so sein sollte wie das im Internet: Frei und selbstbestimmt.


Als ein weiteres Mal eine politische Krise hereinbrach und unser Leben wieder unsicherer wurde, habe ich bei meinem jährlichen Österreichurlaub den Rückflug ungenutzt verstreichen lassen. Ich bin diesmal zuhause geblieben.

Er hat nie versucht mich zurückzuholen oder für mich zu kämpfen.

Jetzt war ich alleine. Das Konto hat er sofort einfrieren lassen, sodaß meine Kreditkarte kein Geld mehr ausgepuckt hat. Mein altes Konto in Österreich war seit Jahren leer und ungenutzt. Ich habe zuerst bei meiner Mutter gewohnt und bin dann wegen einem Streit zu meinem Bruder gezogen. Er und mein Vater haben mir Geld für Essen und Kleidung gegeben. Ich hatte nichts außer meinem Koffer. Leider habe ich nicht daran gedacht, mehr Sachen mitzunehmen. Meine Rückkehr war sehr spontan.

Mir war klar, daß ich jetzt mit nichts dastehe. Anfangs war ich auch noch ziemlich verwirrt, da an ein Leben in Österreich nicht mehr gewohnt. Sogar das Sprechen fiel mir anfangs schwer. Ich war weder gemeldet noch krankenversichert, noch hatte ich je in meinem Leben das Problem, ohne Job, Ausbildung oder Schule dazustehen. Ich war völlig orientierungslos.

Die ersten Monate waren schwer. Mein Bruder war über lange Zeit im Ausland, und ich war alleine in seiner Wohnung. Ich habe über Wochen das Haus nur zum Einkaufen verlassen und fast nur geschlafen. Ich war wie gelähmt.

Es war dann aber meine Mutter, die mir den Hinweis auf ein „Frauenservice“ gegeben hat. Ich hatte Assoziationen von mißhandelten Frauen und ähnliches, und da ich ja keiner von den schlimmen Fällen war, habe ich mich geschämt zu einer Beratung zu gehen. Aber irgendwann war mir alles doch zuviel und ich war auf dem Weg zur psychologischen Beratung im Frauenservice.

Die Wärme und Herzlichkeit hat mich aufgefangen. Obwohl ich weder geschlagen noch sonstwie mißbraucht worden bin, hat man mir mit konkreten Tips geholfen und mich seelisch aufgebaut.

Am meisten überrascht war ich, daß das nichts kosten würde. Ich würde einfach so Hilfe bekommen! In anderen Ländern gibt es das nicht! Ich war dankbar und stolz, daß mein Land so etwas für mich tun würde.

Ich wußte, daß der Gang zum Sozialamt unausweichlich war. Mein Mann war eher reich, und ich hatte mir angewohnt, auf arme Menschen herabzublicken. Nun mußte ich um Hilfe betteln gehen. Es war nicht leicht dort vorzusprechen, ich habe mit furchtbar geschämt. Aber überraschenderweise war die Dame nett zu mir und hat mir zu verstehen gegeben, daß es in Ordnung ist, wenn man Hilfe braucht.

Da ich zehn Jahre lang nicht in Österreich gemeldet war und es kein Sozialabkommen mit dem Land gibt, in dem ich gelebt habe, gelte ich als langzeitsarbeitslos und habe keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Mein dortiger Job wird nicht anerkannt. Aus diesem Grund hat mich das Sozialamt einmalzur Caritas putzen geschickt. Heulend bin ich dort gestanden, aber am Ende haben sie sich entschuldigt – alles Bürokratie.

Der nächste Gang wer der zum Arbeitsamt. Ich wußte nicht einmal mehr meine Versicherungsnummer. Als Studienabbrecherin ohne Ausbildung, also „jemand, der nichts ist und nichts kann“, sah die Lage nicht rosig aus. Ich war weder willig noch bereit putzen zu gehen. Ich wollte endlich etwas lernen, etwas weiterbringen. Aber was?

Ich habe mich dann zu einer Lehre als Betriebsdienstleistungskauffrau entschlossen, obwohl ich gar nicht so recht gewußt habe, was das ist. Die Ausbildung ist mir von AMS nahegelegt worden. Aus bis heute unerfindlichen Gründen kam die Einladung zur Infoveranstaltung nie bei mir an. Die Post hatte meine Briefe wohl nicht richtig zugesandt, da ich einen anderen Namen als mein Vater bzw. Bruder habe.

So bin ich nie Betriebsdienstleistungskauffrau geworden. Gottseidank, denn jetzt weiß ich, daß ich damit nicht glücklich geworden wäre.

Das AMS hat mich dann in einen Berufsorientierungskurs geschickt. Wie der Zufall es wollte, war ich wieder zurück beim Frauenservice. Ich habe keine Ahnung gehabt, was da auf mich zukommen würde. „Sicher so eine total sinnlose Maßnahme“, waren die Kommentare, die ich so von Bekannten gehört habe. Da ich das Frauenservice aber bereits als so hilfsbereit und kompetent in Erinnerung hatte, war ich guter Dinge.

Der Berufsorientierungskurs hat mich, gemeinsam mit neun anderen Frauen, am Kragen gepackt und auf die Beine gestellt. Im ersten Treffen saßen noch ein paar Häufchen Elend im Kreise, jede Frau mit ihrer eigenen Geschichte (meistens geht es um Trennung und Neuanfänge, wie bei mir). Aber nach wenigen Wochen hat sich mein Blick auf die Welt geändert: Uns ist gezeigt worden, daß wir eben nicht Leute sind, die „nichts sind und nichts können“. Das war das Wichtigste an der ganzen Kurserfahrung. Uns ist nicht nur seelisch geholfen worden, sondern wir bekamen konkrete Anweisungen, wir wir unser Leben in die Hand nehmen können: Stärken herausfinden, einen Lebenslauf schreiben, sich selbstbewußt bewerben, eine starke Stimme am Telefon haben, sich nicht unterkriegen lassen, herausfinden, was man will, sich selbstständig um Dinge wie Ausbildung und Praktikum kümmern.

Der Hauptpunkt an unserem Kurs waren die Berufspraktika. Ich habe mir fünf verschiedene Betriebe ausgesucht, die ich mir angesehen habe. Dabei ist mir klar geworden, was ich kann und was nicht, was ich will und was nicht. Das Praktikum gab mir auch Gelegenheit, neue Leute kennenzulernen und für die Zukunft wichtige Kontakte zu knüpfen. Als jemand, der zehn Jahre von der Bildfläche verschwunden war, ist das sehr wichtig.

Mir wurde am Ende klar, daß ich das, was ich bisher als Hobby und Spielerei betrachtet habe – nämlich am Computer Bilder, Texte und Grafiken zu gestalten – zu meinem Beruf machen möchte. Ich habe mich um eine Ausbildung als Grafikerin beworben und bin in einen einjährigen Lehrgang aufgenommen worden. Mit dem Ende der Berufsorientierung beim Frauenservice bin ich in die Ausbildung beim bfi eingestiegen und habe zeitgleich ein Praktikum bei einer Grazer Werbeagentur begonnen.

Ich habe auch versucht – wieder mit Hilfe des Frauenservice – ein Stipendium zu beantragen, um mein Studium zu Ende zu bringen. Leider ist das an der Bürokratie gescheitert. Mein Ex-Mann hat mir erfolgreich die nötigen Dokumente verweigert. Aber sobald es mir möglich ist, werde ich auch an meinem Studium weiterarbeiten.

Während des gesamten Prozesses waren die Trainerinnen vom Frauenservice immer für mich da. Eigentlich sehe ich sie mehr als Freundinnen als als Kursleiterinnen. Jede von uns ist individuell beraten worden. Und ich habe immer das Gefühl gehabt, daß ich authentisch sein darf, meine Sorgen loswerden kann und alles sagen kann, was mich bedrückt. Das war sehr wichtig.

Ich bin noch weit davon entfernt, wirklich da angekommen zu sein, wo ich hinmöchte. Aber ich habe erfolgreich mein Leben dort fortsetzen können, wo ich damals aufgehört habe. Ich bin jetzt bereits mitten in der Ausbildung, die mir viel Spaß macht. Es ist wirklich das, was ich gut kann und was ich immer tun wollte. Derzeit suche ich ein neues Praktikum bzw. schon eine Anstellung als Grafikerin. Ohne die Hilfe des Frauenservice hätte ich das alles nie schaffen können.